Einen deutlichen Schub für die kleinstädtische Entwicklung im südlichen Niedergermanien gab es in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Zu den vier Neugründungen dieser Zeit gehört auch Stolberg-Breinigerberg. Die Funde innerhalb der Siedlung sprechen zwar für eine Gründung erst gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., doch waren die Zinkvorkommen in der Umgebung bereits seit der Latènezeit kontinuierlich ausgebeutet worden. Es ist daher nicht auszuschließen, dass es in der Umgebung von Stolberg-Breinigerberg frühere, bisher noch nicht entdeckte Siedlungen gibt.
Da in Niedergermanien, anders als in Obergermanien, die Reichsgrenze nicht
verlagert wurde, gibt es auch nur wenige Kleinstädte, die aus ehemaligen Lagerdörfern
hervorgehen. Zu ihnen zählen Moers-Asberg und Neuss, wo das Militär Anfang des
2. Jahrhunderts abgezogen wurde, das Lagerdorf bzw. die canabae legionis aber
als zivile Siedlungen weiterbestanden.
In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts lassen sich bisher keine Neugründungen
von Kleinstädten nachweisen.
Wie
überall so lagen auch im südlichen Niedergermanien die Kleinstädte an den Kreuzungen
von Fernstraßen. Einen besonders wichtigen Verkehrsknotenpunkt stellte dabei Jülich
(Iuliacum) dar, wo sich die Nord-Süd-Route, die Trier mit Nijmegen verband,
mit der Ost-West-Verbindung von Köln über Tongern nach Bavai kreuzte. Die übrigen
Kleinstädte lagen meist an einer der großen Verkehrsachsen und waren durch Nebenstraßen
mit der jeweils anderen Achse verbunden.
Die
Mehrzahl der bisher wenigstens teilweise ausgegrabenen Kleinstädte im südlichen
Niedergermanien bezog ihre Wirtschaftskraft in erster Linie aus dem Handel. Dazu
gehörten Mönchengladbach-Mülfort, Neuss (Novaesium), Jülich (Iuliacum),
Zülpich (Tolbiacum), Euskirchen-Billig (Belgica), Bonn und Jünkerath
(Icorigium). Wie überall lebten auch in diesen Orten Handwerker, vor
allem Töpfer und Schmiede, die für den täglichen Bedarf produzierten.
Lediglich drei Siedlungen verdankten ihre Existenz in erster Linie anderen wirtschaftlichen Grundlage. So führten in Aachen (Aquae Granni) die Thermalquellen zum Aufbau eines Kurortes. Der nahegelegene Ort Stolberg-Breinigerberg darf als eine Bergarbeitersiedlung angesprochen werden. Die dortigen Bewohner verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Abbau von Zinkerz (Galmei), ein wichtiger Bestandteil für die Produktion von Messing. In Sinzig (Sentiacum) ließen sich im zweiten Drittel des 2. Jahrhunderts Sigillatatöpfer aus Trier nieder.
In
Aachen (Aquae Granni) stießen die die beiden großen Thermenanlagen,
die Münsterthermen im Westen und die Büchelthermen im Osten an einen ummauerten
Kultbezirk mit gallo-römischen Umgangstempeln, in denen möglicherweise der Heilgott
Apollo-Grannus verehrt wurde.
Handbücher mit weiterführender Literatur:
H. G. Horn (Hrsg.), Die Römer in Nordrhein-Westfalen (Stuttgart 1987)
H. Cüppers (Hrsg.), Die Römer in Rheinland-Pfalz (Stuttgart 1987)
J.-P. Petit u. M. Mangin (Hrsg.), Atlas des agglomerations secondaire de la
Gaule Belgique et des Germanies (Paris 1994)
Weitere Publikationen zu einzelnen niedergermanischen Kleinstädten
Aachen:
Aquae Granni. Rhein. Ausgrabungen 22 (Bonn 1982)
Jülich:
P. J. Tholen, Iuliacum – Jülich. Bonner Jahrb. 175, 1975, 233 ff.
J. Kleeman, Ein wiederentdeckter römischer Töpferofen in Jülich. Archäologie
im Rheinland 1992 (Köln 1993) 61 ff.
F. Wetzels, Streifenhäuser im römischen Jülich. Archäologie im Rheinland 1998
(Köln 1999) 60 ff.
Bonn:
J.-N. Andrikopoulous-Strack, Der römische Vicus von Bonn. Bonner Jahrb. 196,
1996, 421 ff.
Dies., Der römische Vicus von Bonn. In: Geschichte der Stadt Bonn 1. Bonn von
der Vorgeschichte bis zum Ende der Römerzeit (Bonn 2001) 199 ff.
Zülpich:
H. G. Horn, Das römische Zülpich. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern
26, Teil 2 (Mainz 1974) 25 ff.
Ders., Das Römerbad in Zülpich. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern
26, Teil 2 (Mainz 1974) 30 ff.
T. Grünewald, Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“. Ausstellung in Zülpich
1996, 11 ff.
M. Dodt, Die Straßen des antiken Zülpich. Archäologie im Rheinland 1997 (Köln
1998) 73 ff.
T. Ibeling, Eine weitere bebaute Parzelle der Römerzeit. Archäologie im Rheinland
2000 (Stuttgart 2001) 67 f.
Z. Thóth u. Z. Visy, Römische Thermen und Benediktinerpropstei – Ausgrabungen
auf dem Mühlenberg 2001. Archäologie im Rheinland 2001 (Stuttgart 2002) 57 ff.
Euskirchen-Billig:
H. v. Petrikovits, Belgica (Euskirchen-Billig). Führer zu vor- und frühgeschichtlichen
Denkmälern 26, Teil 2 (Mainz 1974) 142 ff.
Ders., Kleinstädte und nichtstädtische Siedlungen im Nordwesten des römischen
Reiches. In: H. Jankuhn, R. Schützeichel u. F. Schwind (Hrsg.), das Dorf der
Eisenzeit und des frühen Mittelalters. Abhandl. Akad. Wissensch. Göttingen.
Philolog.-Hist. Klasse 3. Folge 101 (Göttingen 1977) 86 ff.
W. Wegener, Zitronensäurelösliches Phosphat als Siedlungsindikator am Beispiel
des römischen vicus bei Billig. Archäologie im Rheinland 1988 (Köln 1989) 59
ff.
Jünkerath:
H. Koethe, Straßendorf und Kastell bei Jünkerath. Trierer Zeitschr. 11, 1936,
Beih. 1, 46 ff.
W. Binsfeld, Jünkerath. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern 33
(Mainz 1977) 300 ff.
Mönchengladbach-Mülfort:
In: Ausgrabungen, Funde und Befunde 1990. Bonner Jahrb. 192, 1992, 384 f.
C. Weber, Römische Töpferöfen in Mönchengladbach-Mülfort. Archäologie im Rheinland
1992 (Köln 1993) 63 ff.
Stolberg-Breiningerberg:
M. Schmidt-Burgk, Zeitschr. Aachener Geschichtsverein 45, 1923, 283.
H. v. Petrikovits, Kleinstädte und nichtstädtische Siedlungen im Nordwesten
des römischen Reiches. In: H. Jankuhn, R. Schützeichel u. F. Schwind (Hrsg.),
das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters. Abhandl. Akad. Wissensch.
Göttingen. Philolog.-Hist. Klasse 3. Folge 101 (Göttingen 1977) 86 ff.